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Das notwendige Update einer Art von Verpflichtung

Erwin denkt nach. Nächtliches Grübeln nachdem das Fass zum Überlaufen kam. 70 Jahre im Bauernkaff steckt er nicht so ohne Weiteres weg. Eine gewisse Art der Trennung bringt ihn zum „Studieren“. Ist er der Verursacher oder sind es die Anderen?

Da steht auf der einen Seite die Gedankenwelt des Bodenständigen, des Weggezwungenen durch Schule, Studium, Beruf, Familie und sein Faible für das Heimatdorf, sein Bemühen um das dortige, eigene und nachbarliche Wohlsein, auf der anderen die Enttäuschung über das Erreichte.

70 Jahre, gepflastert von Höhen und Tiefen, nicht weltbewegenden, aber vielen, vielen des sprichwörtlich „kleinen Mannes“. Erinnerungen an die Zeiten hinter dem Kachelofen der Wirtsstube, viele Anekdoten aufschnappend und viel, viel später niederschreibend, an Raufhändel der Schwager auf offener Dorfstraße, an Böswilligkeiten von Schwägerinnen, an existenzgefährdende Zockereien am Kartentisch und auf der Kegelbahn, an Mordgerüchte, Feuerwehreinsätze und Weltmeister, an Busenfreunde, an Besucher aus dem Känguruland und deren Hinterlassenschaft, an vertuschte Vater- und Liebschaften, an pubertäre und postpubertäre Blödheiten, ans Doktorspiele und sonstiges, das in seinem alten Hirn noch zugegen ist.

Seine Sicht des Bemühens ist frustriert und zieht seine Interpretation der Verpflichtung gegenüber der Heimat in Zweifel. Keine finanzielle, keine juristische, mehr eine soziale, eine moralische. Eine Verpflichtung, die von den Freunden, Nachbarn, Kameraden, nicht (mehr) gespürt wird. Ist es diesen oder ist es Erwin vorzuwerfen?

Die vielgepriesene „gute alte Zeit“ war eine alte aber keine gute. Trotz aller damaligen Turbulenzen, Neidereien, offenen Konflikten, die gar vor Gericht oder dem Altar ausgefochten wurden, gab es aber so etwas wie eine Verpflichtung zu einer Gemeinschaft, die auch die Kontrahenten stolz sein ließ. Ein Gefühl der Erhabenheit gegenüber anderen Kommunen.

Erwin wirft sich vor, erst jetzt zu erkennen, dass für andere das Sein im Dorf zu einer puren Wohnsitzinhabung wurde, einerlei ob das Lebenswerk „home sweet home“ in diesem oder einem anderen Ort steht, Hauptsache der Baugrund war günstig.

Auch den Alteingesessenen ist das Streben, hier zu Sterben, abhandengekommen. Wenn noch vorhanden, dann in Ermangelung einer Lust nach Veränderung.

Derart verkommt das Dorf zu einer Ansammlung von Einfamilienhäusern ohne Identität. Gleichsam einer Fertighaussiedlung. Freilich mit Freundschaften unter Nachbarn, im „Grätzl“, ohne Stolz, gerade hier zu sein. Nachbarn zum Grillen und Maibaumsetzen sind auch in Buxtehude findbar.

Mit derartigem Identitätsverlust einher geht auch der Verlust besagter Verpflichtung, das Ansinnen, etwas zu tun, um dem Initiator zu gefallen, ihn anzuspornen weiterzutun.

Ersatzlos an die Stelle dieses Ansinnens tritt die Verpflichtung einzig zu sich selbst! „Bin ich ausschließlich meinem Wohl verpflichtet, so kümmert mich die Initiative anderer nur, wenn sie diesem meinem Wohl wohltut?“

Erwin sinniert über die Konsequenzen dieser Einstellung und ob sie schon irreversibel verbreitet ist. Kann sie noch saniert werden? Kann er überhaupt gegen den Wandel an?

Resignation liegt auf der Hand! Ein „letzter“ Versuch zu retten, was noch zu retten ist, seinem Kontaktkreis das konkrete Beispiel „Erwin“ vor Augen zu führen indem er einen Gutteil seiner derartig eingebildeten, jedenfalls veralteten Verpflichtungen storniert.

 Ein Fehlversuch! Wenige Reaktionen fragen an, was das Eine mit dem Anderen zu tun habe. Augenscheinlich, dass Erwin an den Adressaten vorbeiredet. Sie verstehen nicht, dass es um die Neubewertung einer besonderen Art von „Verpflichtung“ geht, nicht um Animositäten desjenigen, der das Thema artikuliert.

Erwin wird vorgehalten, dass Platz und Ehre genug geboten wird für das „Ehrenamt“. Ersetzen diese Organisationen den zwischenmenschlichen, persönlichen dörflichen Kontakt? Erwin ziemt, dass dort mehr Sportvereinsmentalität angeboten wird als individuelle Geborgenheit, das natürlich mit vielen Ausnahmen, zu deren Beitritt Mut und Aufopferung gehört.

In Zeiten, in denen kein Stein auf dem anderen zu bleiben scheint, in denen „work-life-balance“ zum Credo wird, fürchtet Erwin die Anonymität, in der der Nachbar nicht mehr Erwins Eigenheiten kennt, nicht mehr „über den Zaun schaut“ und daher weiß, wann er und was er tut und daher alarmiert, wenn etwas unüblich ist, wenn er oder sein Daneben indoor dahindarbt oder vermodert. Das „System“ wird´s schon richten … Kann 1450 den Nachbarn ersetzen?

Das Ich im Zentrum schürt das weg vom Du und düngt den Boden für nazistisches Gedankengut.

Es lebe der Egoismus!

Erwin ist unsicher, mit dem update glücklicher zu werden.

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