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Der befangene Wettergott und die Geilheit der Förderung

Ein agrarrechtliches Psychogramm über Erwins späte Berufung

I. Die verhinderte Wirtshauskarriere

Der Übergang vom Aktenkoffer zum Traktorsitz ist keine Frage des Alters, sondern eine späte Korrektur des Lebenslaufs. Erwin, seines Zeichens emeritierter Rechtsanwalt, trägt die DNA des Mühlviertler Granitbodens tief in sich. Seine Wiege stand nicht in einer Kanzlei, sondern in einer klassischen Symbiose aus oberösterreichischer Landwirtschaft und einem gut gehenden Dorfgasthaus.

In Kinderjahren war sein Berufswunsch daher von bestechender Logik geprägt: Er, der Erstgeborene, wollte Wirt werden, wie es die Tradition gebot. Bier zapfen, Schweinsbraten servieren und den Stammtisch regieren – das erschien ihm als der einzig wahre Gipfel der Macht.

Doch das Schicksal schlug in Form von guten Schulnoten unbarmherzig zu. Gute Zensuren sind im ländlichen Raum oft das Todesurteil für ehrliche Handwerksträume. Da schadete auch ein Vierer im Halbjahreszeugnis der 4. Klasse Volksschule nicht. Statt hinter der Schank landete Erwin hinter den Gesetzestexten. Die Paragraphen verwehrten ihm jahrzehntelang den Zugang zum Zapfhahn diesseitig des Schankpultes.

Erst die Pension brachte die lang ersehnte Begnadigung. Da Erwin für den echten Wirtshausbetrieb die bürokratischen Hürden des modernen Gewerberechts und das echte Wirtsleben  zu mühsam waren, wählte er die juristische Grauzone der totalen Entschleunigung: Er errichtete einen Selbstbedienungsladen für Wanderer und Radfahrer, kombiniert mit den Ambitionen eines passionierten Hobbybauern und -gastronomen.

Hier, zwischen Märzenbier, Handwürsten und einer zwei Handvoll eigener Wachtelhühner, fand der Jurist seine späte Erfüllung. Doch wo Landwirtschaft auf Gastronomie prallt, ist die nächste Interessenkollision bereits vorprogrammiert.

II. Das meteorologische Dilemma: Gartenfest gegen Futterkrise

Als gelernter Jurist weiß Erwin, dass man nicht zwei Mandanten mit gegensätzlichen Interessen vertreten kann. Auf seinem Hof tut er es trotzdem täglich. Sein innerer Wirt kämpft erbittert gegen seinen inneren Bauern.

Das Drama zeigt sich besonders drastisch, wenn Erwin ein Fest im Freien veranstaltet. Für den gastgewerblichen Zweig seiner kärglichen Anwaltspension gilt die goldene Regel: Sonnenschein ist bares Geld. Wenn die Radfahrer schandbar schwitzen, steigt der Umsatz der kühlen Labungen aus dem Selbstbedienungskühlschrank in akzeptable Höhen.

Gleichzeitig blickt Erwin der Bauer mit nacktem Entsetzen auf seine Wiesen. Die Trockenheit lässt das Gras verbrennen, der Boden bekommt Risse, die an die lückenhafte Argumentation der Opposition im Gemeinderat erinnern, und das Vieh schreit nach saftigem Grün.

  • Der Wirt in Erwins Brust betet: „Heiliger Petrus, halte die Schleusen dicht, damit die Radler Durst haben!“
  • Der Bauer in Erwins Brust fleht: „Wettergott, schicke uns einen Wolkenbruch, sonst verdorrt mir die Existenz!“

In diesem Zustand permanenter Schizophrenie beobachtet Erwin die Wolkenbildungen über dem Mühlviertel wie eine richterliche Urteilsverkündung ohne Berufungsmöglichkeit.

III. Die Befangenheit des Meteorologischen Senats

Was Erwin bei dieser permanenten Wetterbeobachtung am meisten fasziniert, ist die offenkundige Parteilichkeit des „Wettergottes“. Nach jahrzehntelanger Praxis bei Gericht erkennt Erwin ein befangenes Urteil sofort, wenn er eines über sich ergehen lassen muss. Anderen mag es entgehen, aber Erwin nimmt haarscharf wahr, wie der himmlische Senat taktiert.

Wenn eine Dürreperiode das Land überzieht, herrscht zunächst tagelang Funkstille. Die wenigen Vollzeitbauern der Umgebung beginnen gemeinschaftlich zu raunzen. Es werden Stoßgebete zum Himmel geschickt, die in ihrer Vehemenz an eine dringliche Berufungsschrift erinnern.

Der Wettergott, so scheint es, zögert zunächst. Er prüft die Aktenlage. Er wägt ab. Doch letztendlich knickt er vor der organisierten Lobby der Landwirte ein.

Und das Timing dieses himmlischen Beschlusses ist von einer fast schon bösartigen Präzision: Pünktlich in jener Sekunde, in der Erwin die Biertische für sein lang geplantes Gartenfest ins Freie stellt, öffnet Petrus die Schleusen. Die Gebete der echten Bauern werden erhört und Erwins Party wird im wahrsten Sinne des Wortes hinweggeschwemmt. Die Bratwürstel schwimmen im Sturzbach davon, und die Radfahrer fliehen in den Unterstand.

Erwin bleibt zurück, blickt auf die triefenden Biertischgarnituren und murmelt zynisch:

„Gegen dieses meteorologische Fehlurteil ist leider kein Rechtsmittel zulässig. Befangenheitsantrag abgelehnt!“

IV. Die Allmacht des bäuerlichen Jammerns

Wenn Erwin mittwochs um 17:00 Uhr am Stammtisch im Gasthaus sitzt, widmet er sich als teilnehmender Beobachter der Erforschung des wichtigsten agrarischen Kulturgutes, dem bäuerlichen Jammern.

Es spielt absolut keine Rolle, welches Wetter herrscht, das Urteil der Bauernschaft steht immer schon vor der Beweisaufnahme fest: Es ist eine Katastrophe.

Erwin analysiert dieses Phänomen messerscharf. Das Jammern ist am Stammtisch kein Ausdruck echter Verzweiflung, sondern ein strategischer Schutzschild. Wer jammert, signalisiert dem Universum, dem Finanzamt und den Nachbarn, dass bei ihm nichts zu holen ist. Es ist das bewährte rhetorische Sandpapier, mit dem jeder Anflug von Neid im Keim glattgehobelt wird.

V. Die Geilheit der Förderung: Das Brüsseler Wettrennen

Das zweite große Evangelium, das am Stammtisch mit fast religiöser Inbrunst diskutiert wird, ist die EU-Förderung. Für den modernen Landwirt ist der Traktor nur noch das Zweitwerkzeug, das Hauptwerkzeug ist der Laptop zum Ausfüllen des Mehrfachantrags.

Erwin lauscht mit juristischem Amüsement den Debatten darüber, wie man die Brüsseler Förderrichtlinien bis auf den letzten Cent ausquetscht. Da wird um jeden Zentimeter Brache geschachert, als handle es sich um ein hochkomplexes Plädoyer vor dem Europäischen Gerichtshof.

  • Wird eine Wiese ein paar Tage später gemäht, weil dort ein seltener Käfer vermutet wird? Geld.
  • Wird der hofeigene Tümpel als ökologische Ausgleichsfläche deklariert? Geld.
  • Steht der Traktor ungenutzt in der Scheune, weil die Stilllegungsprämie lukrativer ist als der Getreidepreis? Absoluter Jackpot.

Das Streben, wirklich jede Förderung auszuschöpfen, hat im Mühlviertel den Charakter einer Olympiade angenommen. Wer ohne Prämie wirtschaftet, gilt schlichtweg als unzurechnungsfähig. Erwin, der in seiner aktiven Zeit Verträge zerlegt hat, zieht ehrfürchtig den Hut vor dieser kreativen Auslegung von Subventionsrichtlinien. Die Kunst besteht darin, so zu tun, als ginge es einem schandbar schlecht, während man gleichzeitig das Formularwesen zur Perfektion treibt.

VI. Schlussplädoyer

Am Ende des Tages, wenn der Regen den Staub von Erwins Selbstbedienungsladen wäscht und die Radler ausbleiben, versöhnt sich der emeritierte Rechtsanwalt mit seinem Schicksal. Er klaubt die aufgeweichten, vom Sturm verblasenen Plakate seines Festes auf, schaut auf das saftige Grün seiner frisch gegossenen Wiesen und lächelt.

Er hat zwar den Umsatz des Tages verloren, aber als Hobbybauer immerhin die Futterkrise abgewendet. Das Leben im Ruhestand kennt eben keine logische Urteilsbegründung.

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Das notwendige Update einer Art von Verpflichtung

Erwin denkt nach. Nächtliches Grübeln nachdem das Fass zum Überlaufen kam. 70 Jahre im Bauernkaff steckt er nicht so ohne Weiteres weg. Eine gewisse Art der Trennung bringt ihn zum „Studieren“. Ist er der Verursacher oder sind es die Anderen?

Da steht auf der einen Seite die Gedankenwelt des Bodenständigen, des Weggezwungenen durch Schule, Studium, Beruf, Familie und sein Faible für das Heimatdorf, sein Bemühen um das dortige, eigene und nachbarliche Wohlsein, auf der anderen die Enttäuschung über das Erreichte.

70 Jahre, gepflastert von Höhen und Tiefen, nicht weltbewegenden, aber vielen, vielen des sprichwörtlich „kleinen Mannes“. Erinnerungen an die Zeiten hinter dem Kachelofen der Wirtsstube, viele Anekdoten aufschnappend und viel, viel später niederschreibend, an Raufhändel der Schwager auf offener Dorfstraße, an Böswilligkeiten von Schwägerinnen, an existenzgefährdende Zockereien am Kartentisch und auf der Kegelbahn, an Mordgerüchte, Feuerwehreinsätze und Weltmeister, an Busenfreunde, an Besucher aus dem Känguruland und deren Hinterlassenschaft, an vertuschte Vater- und Liebschaften, an pubertäre und postpubertäre Blödheiten, ans Doktorspiele und sonstiges, das in seinem alten Hirn noch zugegen ist.

Seine Sicht des Bemühens ist frustriert und zieht seine Interpretation der Verpflichtung gegenüber der Heimat in Zweifel. Keine finanzielle, keine juristische, mehr eine soziale, eine moralische. Eine Verpflichtung, die von den Freunden, Nachbarn, Kameraden, nicht (mehr) gespürt wird. Ist es diesen oder ist es Erwin vorzuwerfen?

Die vielgepriesene „gute alte Zeit“ war eine alte aber keine gute. Trotz aller damaligen Turbulenzen, Neidereien, offenen Konflikten, die gar vor Gericht oder dem Altar ausgefochten wurden, gab es aber so etwas wie eine Verpflichtung zu einer Gemeinschaft, die auch die Kontrahenten stolz sein ließ. Ein Gefühl der Erhabenheit gegenüber anderen Kommunen.

Erwin wirft sich vor, erst jetzt zu erkennen, dass für andere das Sein im Dorf zu einer puren Wohnsitzinhabung wurde, einerlei ob das Lebenswerk „home sweet home“ in diesem oder einem anderen Ort steht, Hauptsache der Baugrund war günstig.

Auch den Alteingesessenen ist das Streben, hier zu Sterben, abhandengekommen. Wenn noch vorhanden, dann in Ermangelung einer Lust nach Veränderung.

Derart verkommt das Dorf zu einer Ansammlung von Einfamilienhäusern ohne Identität. Gleichsam einer Fertighaussiedlung. Freilich mit Freundschaften unter Nachbarn, im „Grätzl“, ohne Stolz, gerade hier zu sein. Nachbarn zum Grillen und Maibaumsetzen sind auch in Buxtehude findbar.

Mit derartigem Identitätsverlust einher geht auch der Verlust besagter Verpflichtung, das Ansinnen, etwas zu tun, um dem Initiator zu gefallen, ihn anzuspornen weiterzutun.

Ersatzlos an die Stelle dieses Ansinnens tritt die Verpflichtung einzig zu sich selbst! „Bin ich ausschließlich meinem Wohl verpflichtet, so kümmert mich die Initiative anderer nur, wenn sie diesem meinem Wohl wohltut?“

Erwin sinniert über die Konsequenzen dieser Einstellung und ob sie schon irreversibel verbreitet ist. Kann sie noch saniert werden? Kann er überhaupt gegen den Wandel an?

Resignation liegt auf der Hand! Ein „letzter“ Versuch zu retten, was noch zu retten ist, seinem Kontaktkreis das konkrete Beispiel „Erwin“ vor Augen zu führen indem er einen Gutteil seiner derartig eingebildeten, jedenfalls veralteten Verpflichtungen storniert.

 Ein Fehlversuch! Wenige Reaktionen fragen an, was das Eine mit dem Anderen zu tun habe. Augenscheinlich, dass Erwin an den Adressaten vorbeiredet. Sie verstehen nicht, dass es um die Neubewertung einer besonderen Art von „Verpflichtung“ geht, nicht um Animositäten desjenigen, der das Thema artikuliert.

Erwin wird vorgehalten, dass Platz und Ehre genug geboten wird für das „Ehrenamt“. Ersetzen diese Organisationen den zwischenmenschlichen, persönlichen dörflichen Kontakt? Erwin ziemt, dass dort mehr Sportvereinsmentalität angeboten wird als individuelle Geborgenheit, das natürlich mit vielen Ausnahmen, zu deren Beitritt Mut und Aufopferung gehört.

In Zeiten, in denen kein Stein auf dem anderen zu bleiben scheint, in denen „work-life-balance“ zum Credo wird, fürchtet Erwin die Anonymität, in der der Nachbar nicht mehr Erwins Eigenheiten kennt, nicht mehr „über den Zaun schaut“ und daher weiß, wann er und was er tut und daher alarmiert, wenn etwas unüblich ist, wenn er oder sein Daneben indoor dahindarbt oder vermodert. Das „System“ wird´s schon richten … Kann 1450 den Nachbarn ersetzen?

Das Ich im Zentrum schürt das weg vom Du und düngt den Boden für nazistisches Gedankengut.

Es lebe der Egoismus!

Erwin ist unsicher, mit dem update glücklicher zu werden.